Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt

Aus Mythen und Märchen wissen wir, dass es viele verschiedene Arten von Macht auf dieser Welt gibt. Das eine Kind bekommt ein Lichtschwert in die Wiege gelegt, ein anderes die Erziehung eines Zauberers. Die Kunst dabei ist, nicht all die verschiedenen Arten von Macht, die im Angebot sind, anzuhäufen, sondern die, die Ihnen gegeben ist, gut zu nutzen. Introvertierte bekommen einen Schlüssel zu einem privaten Garten voller Reichtümer gewährt. Einen solchen Schlüssel zu besitzen bedeutet, wie Alice im Wunderland ein Kaninchenloch hinunterzupurzeln. Es war nicht ihre Wahl, ins Wunderland zu gehen – aber sie machte daraus ein Abenteuer, das frisch, fantastisch und ganz ihr eigenes war.

Susan Cain

Der würdige Abschluss eines sehr guten Buches über Introversion und ihre Bedeutung in der heutigen Welt. Viele Introvertierte fühlen sich heutzutage in eine Umgebung gezwängt, die nicht ihrem Naturell entspricht und eher darauf ausgelegt ist, zu präsentieren, zu gelten und zu scheinen. Dabei möchte man sich doch viel eher intensiv mit Dingen beschäftigen können, sich von komplexen Problemen faszinieren lassen oder sich in einem guten Buch vertiefen können. Vor allem aber möchte man oft alleine sein und den Trubel dieser Welt ignorieren dürfen. Kurz: man möchte sich „normal“ verhalten dürfen.

Deswegen sind Introvertierte aber noch lange nicht stille Einzelgänger oder gar asoziale Gesellschaftsverweigerer! Ganz im Gegenteil: Wir schätzen die Gesellschaft anderer sehr und lieben gute und intensive Gespräche. Von einem Gespräch aber erwarten wir Tiefe und Bedeutung und keinen oberflächlichen Smalltalk. Von Gesellschaft erwarten wir eine angenehme Atmosphäre und ein überschaubares und verarbeitbares Spektrum an Reizen und Eindrücken. Und wenn Extravertierte sich dieses Umstandes bewusst werden, haben sie einen Freund an ihrer Seite, der stets für sie da sein wird, der zuhören und trösten kann.

Susan Cains Buch beschreibt nicht einfach nur das Wesen der Introversion oder deklariert sie gar als Krankheit. Susan Cain beschreibt das Ansehen der Introversion in der heutigen Gesellschaft und das Spannungsfeld, in dem wir Introvertierten uns sehr oft bewegen. Sie legt den Aufstieg der Extraversion als Gesellschaftsideal dar und präsentiert Möglichkeiten einer gemeinsamen Zukunft. Die Extravertierten fordern die Teilhabe an ihrer Welt und ihrem trubelhaften Gemeinleben, wir aber möchten eher eine stille Welt abseits davon. In dem sie auf beiden Seiten für Verständnis für die Eigenarten und Denkweisen des jeweils Anderen wirbt, zeigt sie einen Weg auf, uns in einer Welt der Mitte zu treffen. Denn nicht zuletzt sind viele der genialsten Köpfe der Menschheit Introvertierte gewesen. Und gibt man diesen die Chance, sich einzubringen und ihre Ideen zu präsentieren und zu verfolgen, so schadet das wohl niemandem.

Introvertierte sind keine „anderen Menschen“, Gestalten von einem fremden Planeten oder gar „irgendwie krank“. Wir sind keine Minderheit, sondern die Hälfte aller Menschen. Wir sind lediglich nur etwas stiller als die übrige Gesellschaft…

 

Cain, Susan (2011). Still, die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt. München, Riemann Verlag. ISBN: 978-3-570-50084-2

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