Über die Kritik Grass‘ am Staate Israel

Link zum Gedicht

Ein weiteres Fettnäpfchen in der Sammlung von Günter Grass. Ungeachtet des Inhaltes der Kritik ist gerade der Kritiker selbst sehr umstritten. Immer wieder kommt der Vorwurf seiner Zugehörigkeit zur Waffen-SS, sobald er in irgendeiner Weise Kritik an der Politik Israels übt. Wer jetzt noch mit der Aussage „Er hätte es früher sagen müssen.“ kommt, dem ist nicht mehr zu helfen. Vergangenes ist vergangen und Menschen können sich ändern.

Deutschland ist immer noch hoffnungslos in einer Phase der Selbstkritik und pauschalem Schuldgefühl verstrickt. Bald 70 Jahre ist es her, dass Hitler mit seinem Selbstmord den Krieg endgültig beendete. Wenige, die damals aktiv Greueltaten verübten, leben noch und die neue Generation wuchs mit einem indoktrinierten Gefühl für die Verantwortung für diese Taten auf. Kaum einer von ihnen hat aber je aus antisemitischen Hintergründen einem Juden Gewalt angetan. Wo endet also die Verantwortlichkeit für die Vergangenheit?

Israel macht sich diese Situation des Westens, meist unbewusst, zunutze. Wer Kritik an der Politik Israels übt, wird als Antisemit bezeichnet. Es gibt keine Aussage, die nicht versteckte Judenfeindlichkeit beherbergen könnte, solange sie die Taten des Staates Israels nicht gutheisst. Dies zeigt auch die jüngste Kritik an Günter Grass. Kein Wort in seinem Gedicht kritisiert das Volk der Juden als solches oder Eigenschaften der jüdischen Gemeinschaft. Wohl aber kritisiert es das Gebaren der politischen Führung eines Landes und beleuchtet den Umgang des Westens mit der Vergangenheit in einem notwendigen Licht.

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes, dem sich mein Schweigen untergeordnet hat, empfinde ich als belastende Lüge und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt, sobald er mißachtet wird; das Verdikt „Antisemitismus“ ist geläufig.

Wie wahr. Kritik muss (!) möglich sein. Und auch Israel ist von diesem Grundsatz nicht ausgenommen. Es ist eine Tatsache, dass Israel über nukleare Waffen verfügt. Doch niemand macht ihnen einen Vorwurf, dass sie sich nicht an die internationalen Spielregeln halten. Während das womöglich vorhandene zukünftige Arsenal des Irans Wogen schlägt, wird die Situation Israels ignoriert. Es gibt keinen Grund, dieses Arsenal auf eine Basis von Schutzmotiven gegenüber den feindlich gesinnten Nachbarn zu stellen. Israel hat einiges dafür getan, dass islamisch geprägte Staaten ihm misstraut. Die vieldiskutierte Unterdrückung des palästinensischen Volkes ist hier das prominenteste Beispiel. Und wer Wind sät, wird Sturm ernten. Nur durch eine freundschaftliche Diplomatie mit den Nachbarn, mit Entgegenkommen, aber doch auch Beharrlichkeit auf den grundlegendsten (und nicht mehr!) Positionen könnte hier in Zukunft ein dauerhafter Frieden möglich sein. Kriegsrhetorik ist hier fehl am Platze. Es scheint aber, dass die politische Führung Israels der letzten Jahre nur jene beherrscht.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern, mehr noch, allen Menschen, die in dieser vom Wahn okkupierten Region dicht bei dicht verfeindet leben und letztlich auch uns zu helfen.

Kritik muss möglich sein. Und Israel geniesst hier keine Sonderrolle. Erst wenn alle Länder des Nahen Ostens gleich behandelt werden, kann ein echter Friedensdialog entstehen. Der Westen hat seine Schuldigkeit gegenüber Israel getan. Vergessen darf niemals eintreten, doch in der gesamten Menschheitsgeschichte war die Verfolgung der Juden in dieser Zeit des Krieges nur ein Beispiel von vielen. Juden sind Menschen, so wie es Afroamerikaner, Asiaten, Europäer, Muslime, Christen, Homosexuelle, Kleinwüchsige, Bauern, Banker oder Jugendliche sind.

Wichtig sind nicht die Unterschiede, sondern die Gemeinsamkeit des Mensch-sein.

3 Kommentare

Eingeordnet unter Ereignisse, Tagesgedanken

3 Antworten zu “Über die Kritik Grass‘ am Staate Israel

  1. Volle Zustimmung. Ich finde es vor allem auch schade, dass inhaltlich nichts dazu gesagt, aber Grass diffamiert wurde. Ich meine, von mir aus kann ich Grass heuchlerisch finden, aber das ändert nichts am Inhalt? Was ist inhaltlich auszusetzen? Das wird praktisch nirgends erwähnt.

    • Danke für deinen Kommentar!

      Es scheint, als ob die erstgeäusserte Kritik einfach nur mehr kopiert wird und sich die wenigsten die Mühe machen (wollen), sich inhaltlich mit der Aussage auseinander zu setzen. Vielmehr scheint es einfacher zu sein, den Stellungnahmen von Politikern oder polemisch Grass-Dauerkritikern wie Henryk M. Broder zu folgen.
      Immer wichtiger scheint in der heutigen Medienkonsumwelt die Devise „Erst denken, dann reden/schreiben“ zu werden.

      • Wie wahr! Das ist bei diesem Thema (und anderen) besonders schlimm. Denn entweder man ist im Recht, dann sollte man das auch mit Sachargumenten verteidigen, oder man hat Unrecht, dann sollte man das auch eingestehen. Das Thema hat es verdient, sachlich behandelt zu werden. Es ist einfach zu wichtig um für heillose Beschimpfungen herzuhalten.

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