Die Bedeutung der Wolken

In einer Hütte, weit ausserhalb jeder grösseren Stadt, lebten einst ein alter Mann und ein kleiner Junge. Diese Hütte stand auf einem kleinen Hügel inmitten grüner Wiesen und Felder, unweit eines kleinen Wäldchens, welches, wenn ein Gewitter nahte, sich vom saftigen Grün der Laubbäume in ein dunkles Schwarz wandelte und zu einer einzigen drohenden Masse verschmolz. Manchmal konnte man sogar das Gefühl bekommen, dass in solchen Momenten das Wäldchen in die Höhe wuchs und den Himmel mit seiner unheilvollen Schwärze bedeckte. Die Wiesen aber standen bis weit in den Herbst voller leuchtender Blumen, welche sich sanft im leichten Wind hin und her bewegten. In der Erntezeit leuchteten die Felder im Licht des Herbstes und liessen die Ähren strahlen, als ob sich ein Meer reinsten Goldes dort befand. Der kümmerliche Garten der Hütte bot Platz für einige wenige Furchen für etwas selbst gepflanztes Gemüse und ein paar Sonnenblumen, die zur Herbstzeit einige Meter in die Höhe reichten und wie kleine Sonnen den kleinen Garten in ihr leuchtendes Gelb tauchten. Ein steinerner, runder Ziehbrunnen stand in der Mitte des Gartens und spendete mit seinem Eimer, der an einer Kurbel ins kühle Nass hinuntergelassen werden konnte, den Pflanzen und Menschen Feuchtigkeit. Die Hütte selbst war aus Baumstämmen gezimmert, welche in den Fugen mit Lehm und Erde abgedichtet waren, um doch etwas Wärme in dem kleinen Raum bewahren zu können. Das Dach wies da und dort kleinere Schäden auf, um welche sich bis anhin noch niemand gekümmert hatte. Die Hütte selbst aber war kärglich eingerichtet. Ein Tisch, zwei Stühle und zwei Betten waren alles, was die Bewohner der vier Wände nebst einer kleinen Kochstelle benötigten.
Der Junge und der Alte standen sich sehr nahe. Die Mutter des Jungen starb bei seiner Geburt und der Vater machte sich schon bald davon, überfordert vom Arbeitsalltag und der Erziehung des Jungen. Der Vater der Mutter nahm den Jungen zu sich und umsorgte ihn wie seinen eigenen Sohn, stets darauf bedacht, seiner Erziehung Freiheit, aber auch etwas Strenge angedeihen zu lassen. Nichtsdestotrotz hing der Junge doch oft in Gedanken bei seinen Eltern fest, an welche er weder Erinnerungen noch Bilder besass. Er fragte sich oft, wie sein Leben verlaufen wäre, wenn seine Mutter nicht gestorben wäre. Er mochte seinen Grossvater, doch vermisste er auch die Nähe und stets wohlmeinende Gunst einer Mutter.
Der Alte machte sich oft Sorgen wegen dieser Angewohnheit. Er befürchtete, dass der Junge eines Tages nur noch in Trauer und Sorge leben würde und die Schönheit des Lebens nicht mehr bewundern könnte.

Eines Tages, als der Junge wieder auf dem Rande des Brunnens sass, die Beine hin und her schaukelnd und den Blick auf den Horizont geheftet, in Gedanken in einer fernen Welt, trat der Alte zu ihm, fasste ihn leicht an der Schulter und sprach zu dem Jungen, als er mit den Gedanken wieder in das Hier und Jetzt zurück gekehrt war: „Komm. Ich möchte dir etwas zeigen.“ Der alte Mann führt ihn hinaus auf die Wiesen, auf der sie sich im Herbst mit dem Steigen von Drachen vergnügten und wies mit seiner einen Hand in den Himmel.
„Siehst du diese Wolken? Es gibt sie in unzähligen Formen und Farben. Die kleine, weisse Wolke dort schwebt gemütlich durch die Lüfte, lässt sich von der Strömung treiben und geniesst ihre Leichtigkeit und geringe Grösse. Ihr Anblick zaubert uns ein Schmunzeln ins Gesicht und stimmt uns fröhlich.
Und siehst du ebenso die grosse, dunkle Wolkenbank, die sich dort am Horizont über dem Wäldchen aufbaut? Bei ihrem Anblick denken wir nicht mehr an die Wolke, sondern nur noch an den heraufziehenden Sturm, der uns Unheil und Sorgen verspricht.
Doch betrachten wir die beiden Wolken genauer, so bestehen sie doch aus demselben Stoff, der bald als Regen wieder auf die Erde zurück kehren und uns, den Tieren und Pflanzen neues Leben spenden wird. Die Grösse der Wolken ändert sich ständig und selbst die kleinsten unter ihnen besitzen eine wichtige Funktion im weiten Meer der Wolken.
Was uns aber Furcht bereitet ist die bedrohliche Schwärze und Finsternis, die diese grosse Wolkenbank dort vor sich her schiebt. Ihre Farbe und eine Ahnung des Kommenden sind es, die uns Angst machen.
Ebenso verhält es sich mit unseren Gedanken. Weder der Inhalt der Gedanken macht uns am meisten Sorgen, noch deren Wichtigkeit oder Grösse. Vielmehr ist es die Bedrohlichkeit, die die Farbe des Denkens auf uns ausübt, die uns verzagen lässt und uns jede Hoffnung und Freude raubt. Doch beim Blick von Aussen bemerken wir, dass dieser Gedanke selbst nur einer unter vielen ist und dass er, obwohl er gross, dunkel und bedrohlich wirkt, doch nicht mehr an Bedeutung besitzt, als die vielen kleinen und fröhlichen Gedanken, die neben diesem dunklen und grossen Gedanken so unbedeutend erscheinen. Die Bedeutung, die wir selbst den Gedanken beimessen, ist es, die uns die Hoffnung und Freude raubt, nicht die Bedeutung des Inhalts.
Und das gilt auch für deine Eltern.“
Eine Zeit lang standen der alte Mann und der Junge noch nebeneinander und hielten ihre Blicke auf den Himmel geheftet, bis der alte Mann fragte: „Kannst du das verstehen, mein Junge?“
Nach einer Weile antwortete dieser: „Ich denke schon.“

Lange Zeit noch, nachdem der alte Mann schon längst wieder in das Haus zurückgekehrt war um sich auf den Sturm, der sich über dem Wäldchen zeigte, vorzubereiten, stand der Junge auf der Wiese und betrachtete die Wolken.

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Eingeordnet unter Gedichte, Tagesgedanken

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