Grenzen gezogen

Am Rhein

Heute genoss ich die frühlingshafte Stimmung mit einem Spaziergang an den Rhein. Das Besondere an meinem Wohnort ist ja, dass ich nach einer Viertelstunde gemütlichen Spazierens an die Grenze zu Deutschland gelange, die den Rhein entlang führt.

Als ich am Rhein auf einer steinigen Landzunge sass und in dieses andere Land hinübersah, bemerkte ich, dass dort nichts anders war. Das Gras war vom selben Grün wie hier in der Schweiz, die Bäume waren dieselben, die Häuser vom ähnlichen Baustil, der Himmel hatte dasselbe Blau, ebenfalls nur durchzogen von einigen schwachen Wolkenschlieren. Sogar die Menschen, die ich dort, in einiger Entfernung, dem Fluss entlangspazieren sah, waren nicht anders als die Menschen auf dieser Seite des Rheins.
Die Grenze zwischen den beiden Ländern, einzig kenntlich gemacht durch vereinzelte rote Bojen, die mittem im Fluss trieben, war nicht zu sehen.

Und so ist es in jeder Situation:
Die Grenze zum Nachbargrundstück besteht lediglich auf dem Papier. Einzig kenntlich gemacht durch eine vom Gärtner gepflanzte Hecke oder von Menschen gezimmerten Lattenzaun.
Die Grenze zum nächsten Ort besteht ebenso nur auf dem Papier. Für die Menschen nur erkenntlich durch die bekannten blauen und weissen Ortsschilder.

Die Grenze zum nächsten Menschen besteht nicht einmal auf dem Papier. Sichtbar ist sie lediglich durch die vergängliche Hülle unseres Körpers. Doch zwischen unseren Seelen besteht keine Grenze. Der nächste Mensch ist ebenso Mensch wie ich. Unabhängig davon, was er für eine Geschichte erlebt hat, woher er kommt, was er denkt, was für Eigenarten er hat. Auch wir selber haben unsere Geschichte, unsere Herkunft, unsere Gedanken – imaginäre Grenzen, die uns Abstand zu den anderen Menschen geben sollen.
Wir verkennen dabei, dass der Andere ebenso ein Teil von dieser Welt ist wie wir selbst. Wir sind Eins.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Tagesgedanken

Eine Antwort zu “Grenzen gezogen

  1. Thomas

    im Sanskrit gibt es dafür die Formel „Tat twam asi“ (die habe ich von Schopenhauer), die „das bist Du“ bedeutet und auf die Einheit allen Lebens hinweist.
    Lesetipp: Schopenhauers Vorlesungen zur Ethik (bei ihm „Metaphysik der Sittem“) – der Junge schreibt etwas sperrig, aber es lohnt sich, sich da durchzukämpfen.

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