Tagebuch eines schwarzen Lochs

09:13
Ich wache auf mit einem schweren Kopf. Energie ist nirgendwo zu finden und alle Körperteile wetteifern darum, welches wohl das Erschöpfteste ist. Es fühlt sich an, als läge ein Stein auf meiner Brust, der mich ins Bett drückt und mich nicht aufstehen lassen will. Der Blick durchs Fenster nach draussen zeigt mir, was ich sowieso schon wusste: es ist ein nebliger und grauer Morgen. Selbst die farbigen Wände meines Zimmers strahlen nicht die sonst so gewohnte Fröhlichkeit aus und erscheinen nur matt.

09:46
Ich raffe mich doch endlich dazu auf, aufzustehen und den Tag zu beginnen. Langsam erhebe ich mich. Obwohl ich mich seltsam leicht und fit fühle, sagt mir mein Kopf, dass ich noch nie in meinem Leben so müde und zerschlagen war. Jeder Schritt scheint der anstrengendste meines Lebens zu sein. Mit diesen Gedanken schlurfe ich langsam ins Bad und werfe mir eine Handvoll kaltes Wasser ins Gesicht. Doch die Düsterkeit bleibt wie ein grauer Schleier auf meinen Augen liegen. So stehe ich am Becken und starre in den Spiegel. Starre in mein lebloses Gesicht. Weder Mundwinkel noch Augen zeigen einen Hauch von Fröhlichkeit. Ein totes Gesicht…

10:12
Mit einer dampfenden Tasse Kaffee stehe ich am Fenster und sehe nach draussen. Der Nebel scheint sich nicht zu lichten, weder in meinem Kopf noch draussen vor meinem Balkon. Der Kaffee schmeckt heute irgendwie bitter und fade. Ich habe kalt. An Frühstück verschwende ich keinen einzigen Gedanken, der Appetit fehlt mir völlig. Mein Kopf scheint wie gelähmt, kaum ein Gedanke hält sich länger als ein paar Augenblicke. Emotionen und Überlegungen bleiben nicht fassbar, ich nehme sie kaum wahr.

10:28
Der Kaffee ist mittlerweile kalt. Der Nebel hängt immer noch. Ich wandere zurück in die Küche, schütte die kalte, braune Brühe in den Abfluss und stelle die Tasse apathisch unter meine Nespresso-Maschine, die mir einen neuen Lungo aufbrüht. Eigentlich will ich gar keinen Kaffee, was mir aber erst zu spät auffällt. Ich gehe zurück ins Wohnzimmer und stelle mich wieder vor das Fenster. Ein paar Vögel setzen sich auf das Balkonge­länder und schauen aufgeregt umher.

10:37
Die warme Dusche scheint mein Leben auch nicht zurückzubringen. Ich schalte das Wasser ab, trockne mich mit meinem orangen Frottée-Tuch und beginne dann, mich anzuziehen. Nur im T-Shirt stehe ich vor dem Badezimmerspiegel und fahre mir gedankenlos über die wenigen Bartstoppel. Ich greife nach dem Rasierapparat und fahre mir damit ein paar Mal kreuz und quer über das Gesicht. Die Bartstoppel weichen den ungelenken Zügen aus und so gebe ich meine Bemühungen auf. Meine widerspenstigen Haare bringe ich mit etwas Gel in Form. Ich verlasse das Badezimmer und schalte das Licht ab. Im Wohnzimmer hat sich unterdessen nichts Neues ereignet. Auch etwas Licht aus der Deckenlampe ändert nichts an den matten Farben.

10:58
Lustlos sitze ich auf meinem Bürostuhl und starre in den Bildschirm des Laptops, der sich langsam hochfährt. Sobald Windows läuft, starrte ich mein iTunes, fahre mit dem Maus­zeiger über meine Playlists und stoppe. Ich klicke einen Eintrag mit dem vielsagenden Titel „Melancholie“ an und starte die Musik. Die ersten langsamen, verzweifelten Klänge der Filmmusik zu „Requiem for a dream“ dringen an mein Ohr. Ich wende mich vom Laptop ab, drehe mich zum Fenster, lege die Beine auf das Fensterbrett und schliesse die Augen. Minuten vergehen, nur bemerkbar durch das Wechseln der Musik. Die ersten Piano-Klänge des Songs „In a state“ von Unkle erklingen.

11:43
Ich sitze noch immer da und lausche teilnahmslos der Musik. Die Zeit vergeht unbemerkt. Nur die sich verändernde Helligkeit draussen zeigt mir den Fortschritt der Zeit. Der Nebel hat sich gelichtet und ein paar vereinzelte Sonnenstrahlen durchbrechen die Wolkendecke auf der Suche nach etwas Erde, dem sie Leben einhauchen könnten.

12:23
Der Hunger treibt mich in die Küche. Lustlos durchstöbere ich den Kühlschrank und die wenigen Küchenschränke nach etwas Essbarem, dass sich auf die Schnelle zubereiten liesse. Meine Suche führt mich zum Vorratsschrank, in dem ich noch eine angebrochene Packung mit Schokoladenkeksen finde. Mit diesen und einem Tetrapak Fruchtsaft aus dem Kühlschrank setze ich mich wieder auf meinen Stuhl am Fenster. Lustlos knabbere ich an meinen Keksen und trinke dazu etwas Fruchtsaft.

13:15
Auf der Suche nach Ablenkung schalte ich den Fernseher ein und sehe mir „Two and a half men“ ab DVD an. Ich habe keine Ahnung, welche Folge es ist, noch, was darin abläuft. Die Bilder fliessen wie auf einem der vielen Werbebildschirme in der Stadt unbemerkt an mir vorbei. Nur ein einzelner Satz eines Protagonisten löst etwas in mir aus. Ich spüre, wie sich irgendetwas tief in meinem Inneren bewegt, erwacht und sich durch Streckübungen den Schlaf aus den Knochen treibt.

15:56
Die Farben kehren wieder zurück. Selbst das Wetter draussen scheint freundlicher zu sein. Ich schalte den Fernseher ab und lausche wieder etwas meiner Musik. Und auf einmal fühle ich wieder. Ich spüre Emotionen, die in mir hochsteigen. Es ist, als ob mein Körper von einer Welle der Wärme durchflutet würde. Wie eine goldene Woge breitet sich sowas wie Freude bis in meine äussersten Körperteile aus und versorgt mich mit Antrieb und Energie.

16:23
Die Freude hat sich in Sekundenbruchteilen in tiefste Trauer verwandelt. Wie auf einem Wasserfall stürze ich in die Tiefe und schwimme auf dieser Oberfläche in den Abgrund, unfähig, den Sturz aufzuhalten. Ich sitze auf einem der Hocker in der Küche, den Kopf in die Hände gestützt. Draussen hat es mittlerweile begonnen zu regnen. Aus dem Wohnzimmer erklingen die Töne von „Shy“ der Gruppe Sonata Arctica. Dem Regen gleich fliessen vereinzelte Tränen über meine Wangen. Tiefe Trauer überfällt mich und meine Schultern beben unter dem Strom der Tränen.

16:31
Der Strom der Tränen versiegt für einen kurzen Moment, nur um mich nach einigen Sekunden aufs Neue zu quälen. Wütend schlage ich meine Faust auf den Küchentisch und rufe mich laut zur Besinnung. Wenn ich könnte, würde ich mich jetzt schlagen, so wie man eine hysterische Person zur Besinnung bringt. Doch meine Hände zittern zu sehr, schlagen will ich mich nicht, alles in mir sträubt sich dagegen. Viel mehr möchte ich, dass diese Trauer aufhört und ihrer Wege zieht, mich einfach alleine zurück lässt. Die Wut ob diesen Launen packt mich. Am liebsten möchte ich etwas zerstören, ein Ventil finden, um all diese Emotionen herauszulassen. Ich laufe zu meinem Bett und beginne, mit den Fäusten auf die Matratze einzuschlagen, ich trommele all meine Wut in die Bettfedern, bis ich erschöpft auf die Decke falle und inne halte.

17:16
Die Tränen sind versiegt und nur noch ein schwacher Abglanz der Trauer bleibt tief in mir zurück. In mir ist eine Leere, als ob durch die Tränen alle negativen Gefühle fortgespült worden wären. Meine Seele gleicht einem leeren Wasserkrug. Erschöpft, doch befriedigt sitze ich nun da und geniesse den Moment der Ruhe.

17:21
Die Ruhe ist nur von kurzer Dauer. Apathisch, nur mit einem Hauch von Traurigkeit sitze ich wieder vor meinem Fenster. Doch nur kurze Zeit vergeht und schon stehe ich auf und wandere unruhig auf und ab. Durstig gehe ich in die Küche, setze eine Pfanne mit Wasser auf die Herdplatte und mache mir einen Tee. Zitronentee mit wenig Zucker, so wie ich ihn mag. Eine innere Unruhe befällt mich, die mich durch die Zimmer treibt. Nur das Geräusch des kochenden Wassers lässt mich inne halten und mich für kurze Zeit um meinen Tee kümmern. Mit der heissen Tasse in den Händen setze ich mich auf mein Bett. Die Hitze der hellblauen IKEA-Tasse spüre ich kaum.

18:01
Immer noch sitze ich auf meinem Bett. Mittlerweile läuft wieder eine Folge irgendeiner Serie im Fernseher, die ich mir ansehe. Die Hauptsache ist, dass ich etwas finde, das die Zeit vertreibt, ganz egal, ob ich wirklich etwas davon wahrnehme oder nicht.

18:48
Ein Klingeln unterbricht meine Apathie. Ein Anruf auf meinem Handy. Nur ein kurzer Blick genügt mir, um zu wissen, dass ich nicht abnehmen werde. Auch wenn mir der Mensch am anderen Ende der Leitung sehr viel bedeutet, so soll er mich doch nicht in dieser Verfassung zu hören bekommen. Stumm warte ich, bis das Klingeln endet. Eine herrliche Ruhe breitet sich wieder aus, sanft untermalt von ruhigen Klängen aus meinem Laptop. Eine Art von schlechtem Gewissen überkommt mich in einem lichten Moment. Doch insgeheim weiss ich, dass meine Entscheidung, jeden Kontakt nach aussen zu meiden, die Richtige war. Sie wird es verstehen.

20:12
Gedankenlos sitze ich vor dem Laptop und klicke auf meiner Maus herum. Ich wechsle von Facebook zu Twitter. Dann weiter auf diverse Blogs, die ich regelmässig lese. Weiter, immer weiter. Newsseiten, Youtube, und wieder von vorne. Ich nehme kaum etwas wahr und hoffe doch auf irgendetwas, das meine Aufmerksamkeit zu fesseln vermag. In Gedanken schweife ich irgendwohin ab. Und das Ganze noch einmal von vorne. Entnervt wende ich mich vom Computer ab und starre aus dem Fenster. Meine Gedanken drehen sich ununterbrochen um nichts und lassen sich doch nicht davon abhalten. Es ist, als würde jeder andere Gedanke blockiert. Wobei ich nicht weiss, was denn diese „anderen“ wären. Die Leere in meinem Kopf ist da und lässt sich doch nicht füllen.

22:49
In einem kurzen Moment von Durchblick sehe ich die Zeilen eines Gedichtes vor mir. Ich stürze zum Laptop und beginne zu Tippen, vom Drang erfüllt, diese wenigen Worte festzuhalten, die mir in ihrer Melodie und ihrem Rythmus so wundervoll erscheinen. Später werde ich sie wohl, wie so viele Male, wieder verwerfen. Nach einem kurzen Moment schon ist dieser lichte Augenblick vorbei und ich versinke wieder in einer leblosen und kalten Apathie.

23:51
Müde und ausgelaugt falle ich ins Bett. Ich wickle mich in meine Decke und warte, warm eingepackt, in der Dunkelheit auf den Schlaf, der wohl noch lange auf sich warten lassen wird. Ich versuche durch Meditation etwas Ruhe in die kreisenden Gedanken zu bringen. Irgendwann gelingt es mir und ich entschwinde in einen unruhigen Schlaf…

08:30
Mein Handy klingelt mich mit der Melodie von „Don’t worry, be happy“ von Bobby McFerrin aus dem Schlaf. Doch ich fühle mich voller Energie und Lebensfreude. Ich springe aus dem Bett und hüpfe unter die Dusche. Danach gönne ich mir ein grosses Frühstück und setze mich voller Motivation an den Computer, um eine Arbeit für mein Studium zu vollenden. Nach dem Aufstarten des Laptops fällt mir eine Datei auf dem Desktop ins Auge, Dateiname „Unbekannt.txt“. Mir fällt wieder ein, was am Tag zuvor war. Wie ich energielos und depressiv die Zeit verbrachte. Ich öffne die Datei und finde ein Gedicht vor. Wortlaut und Melodie drücken auf mein Gemüt und schnell schliesse ich die Datei wieder. Was bleibt ist eine hohle Ahnung der Vergangenheit, eine Erinnerung an einen Tag, den ich nur noch vergessen möchte. Doch ich weiss auch, dass solche Tage wieder kommen werden.
Ich werde auf sie warten…

Unbekannt.txt
Düstre Klagen,
blinde Wut,
schreiend elend,
aufbegehrend.

Schicksalshadernd,
Trauer tragend,
zerreisst von innen,
tote Seel.

Schwarzer Abgrund,
gähnend Leere,
Sprung ins Nichts,
erlösend Tod.

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