Pendelfreundschaften

Ich pendle nun seit bald einem Jahr viermal in der Woche die Strecke Luzern – Basel. Oder fangen wir anders an: Pendeln nervt. Mit der Zeit. Aber man erlebt auch viel Schönes und Interessantes dabei. Man lernt Leute kennen, mit denen man ansonsten wohl nie geredet hätte. Insbesondere, wenn man über eine Stunde nur in einem ratternden Zug sitzt, die Gratiszeitung schon im Bus gelesen hat und man keinen Nerv hat, in einem Buch weiterzulesen.
Schlafen?
Vielleicht. Die Hälfte der Mitpendler tut das am Morgen. Aber ich bin dann meist schon zu wach. Aber ich schweife wieder ab.
Ich wollte eigentlich über Beziehungen reden, über Menschen, die man auf dem Pendlerweg kennenlernt.

Da wäre zum Beispiel ein, ich nenne es mal, nicht allzu intelligenter Mann, der relativ dick ist, immer ein knallrotes Gesicht und eine sehr hohe Stimme. Insgesamt ein seltsames Erscheinungsbild. Aber das Geniale ist ja, dass er Abends auf der Heimfahrt immer mit seiner Mutter telefoniert. Jeden Abend. Viermal in der Woche. Über eine halbe Stunde lang. Laut.
Und über was die jeweils reden! Da ist eine Seifenoper zum Einschlafen langweilig. Nun gut, ist sie sowieso schon, aber weiter im Text. Einmal hatten seine Eltern anscheinend eine lautere Diskussion, die er mitbekam. Er schob bereits Stress, rief nacheinander Gotti und Grossmutter an, die ihn beruhigten, es sei nicht wegen ihm, dass die beiden stritten. Am Ende weinte er. Ob vor Beruhigung oder weil er die Beteuerungen der beiden G’s nicht glaubte, weiss ich nicht.

Oder dann diese eine Pendlerin.. Sie ist etwa in meinem Alter, eher sogar ein wenig älter und steigt jeweils schon im Bus an der Haltestelle Univerität in Basel Richtung Bahnhof zu. Immer an der gleichen Haltestelle, meist mit einem dieser Thermobecher in der Hand, die letzten Winter so in Mode kamen. Tee. Und ja, sie ist hübsch, aber darum geht es hier nicht.
Wie ich bisher herausgefunden habe, kommt sie aus Luzern (ich vermute aus einem Vorort) und hatte bis im Winter einen Freund. Der pendelt zwar immer noch jeden Tag nach Basel, aber nicht mehr mit ihr und wenn, dann sitzen sie zwei Wagen auseinander.
Interessant an ihr finde ich, dass wir zweimal kurz miteinander gesprochen haben. Das erste Mal fragte sie mich im Bus, weil ich neben einem leeren Sitz stand (ich bin Stehbusfahrer), ob der Platz noch frei wäre. Und das zweite Mal sass ich schon im Zug mit meinem Englischheft in der Hand (ich hatte vor einer Woche meine CAE-Prüfungen), als sie an mir vorbeilief und ein Abteil weiter ihre Taschen hinlegte. Blick zu mir, Blick aufs Heft. „Machst du das Proficiency?“ Ich meinte dann nur, dass ich mich erst mal am Advanced versuchen würde. Das Proficiency wäre mir noch zu heiss. Sie hat übrigens das Advanced vor ein oder zwei Jahren auch gemacht, ich vermute mal in einem Auslandaufenthalt.
Achja, und sie scheint Italienerin zu sein, oder zumindest ist es ein Elternteil, denn sie spricht fliessend Italienisch. Aber seit einigen Wochen treffe ich sie nicht mehr im Zug oder Bus. Hat sie andere Arbeitszeiten? Hat sie ihre Arbeitsstelle gewechselt? Ich weiss es nicht. Und bald sehe ich sie kaum noch, da ich ja Richtung Basel umziehe. Schade eigentlich, denn irgendwie habe ich sie gemocht. Obwohl kaum miteinander geredet, war es auf eine gewisse Art und Weise eine Freundschaft.
Ich kenne nicht mal ihren Namen…

Da wäre aber noch ein Typ. Immer relativ leger gekleidet, mit Jeans und Hemd und schicker Lederjacke dazu. Altersmässig schätze ich ihn auf ungefähr gegen die vierzig Jahre. Leichte Halbglatze. Sitzt, wie ich, immer im gleichen Wagen und meist sogar im gleichen Abteil. Wie ich. Und er hat ein iPhone. Auf dem liest er jeden Tag irgendetwas. Eine ganze Stunde lang, ohne Unterbruch. Ich frage mich, ob er auf diese Art und Weise die Zeitung liest oder ob er EBooks gespeichert hat. Ich weiss es nicht, aber faszinierend ist es.

Ich werde all diese Leute wohl vermissen, wenn ich in einem Monat nicht mehr mit ihnen pendeln darf.
Vielleicht bringe ich ihnen einen Kuchen zum Abschied?

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Tagesgedanken

Eine Antwort zu “Pendelfreundschaften

  1. Pingback: Man trifft sich immer zweimal im Leben « Die Mélange des Lebens

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s