Eine Stütze fremden Lebens

Ich mag diese Tage, an denen man beschliesst, wieder einmal ein Gespräch mit der besten Freundin zu führen. Nicht irgendein Gespräch natürlich, denn diese kann man jederzeit führen und dazu braucht es keinen besonderen Anlass. Nein, ich meine ein Gespräch über Gott und die Welt, über die eigenen Probleme, tiefgründig und mit der Hoffnung, beim Abschied mit einer Lösung dazustehen. Den Code des Lebens entschlüsselt zu haben, den Sinn des Lebens zu sehen. Es ist natürlich vermessen, den Sinn des Lebens in unseren jungen Tagen begreifen zu wollen. Nur durch ein Gespräch. Aber die Hoffnung ist doch da.

Auf eine gewisse Art und Weise sind dies entscheidende Tage. Man könnte es mit einer Leiter vergleichen. Diese Tage sind die einzelnen Sprossen und mit jedem dieser Tage kommt man eine Stufe höher. Wenn man oben ist, hat man es erreicht. Den Sinn des Lebens, sein eigenes Wesen begriffen, wie auch immer. Ich weiss es nicht.

Da sitzt man also bei einem Kaffee beisammen und redet. Ein nicht enden wollender Schwall von Worten. Eine Geschichte des Leids und der Probleme. Was Wochen oder Monate dauerte, wird in einigen Sätzen dargelegt. Ein Seelenstriptease allererster Güte. Es ist als ob man mit einem Spiegel spricht. Eine sich andauernd ergänzende Konversation, die nur eines aufzeigt: Wir sind gleich. Was Dein ist, ist auch Mein. Insbesondere, was die Probleme anbelangt. Was leben wir nur für ein Leben. Auf jeden Fall nicht unser Eigenes. Manchmal fühlt man sich wie ein Opferlamm in der Antike. Man wird aufgezogen, gepflegt, gemästet. Und sobald man in die Welt entlassen wird, landet man auf dem Opfertisch. Die scharfe Klinge schwebt über dem eigenen Hals. Jeden Moment könnte sie das Ende bereiten. Und was machen wir? Wir halten bereitwillig hin. Nicht nur das, wir neigen auch noch unseren Kopf nach hinten, damit man besser den Hals erreichen kann. Wir halten uns still, damit der Henker auch möglichst wenig Aufwand hat. Ein sauberer, problemloser Schnitt.
Nun, das Beispiel ist wohl etwas hart. Aber irgendwie erklärt es unsere Situation. Wir stehen in unserem Leben, wir opfern uns auf für andere. Wir versuchen, allen eine Stütze zu sein, wenn sie es brauchen. Dabei bemerken wir nicht, dass wir nur auf einem Bein stehen, der Boden dabei wacklig wie bei einem Erdbeben. Auf jeden Fall eine sehr unsichere Stütze. Denn wir brauchen selbst dann und wann jemanden, der uns unter die Arme greift. Der uns selbst zuhört. Dem wir unseren Frust anvertrauen können. Der uns unterstützt.
Was für eine einseitige Beziehung. Sie bricht erst dann zusammen, wenn wir selbst unseren Halt verlieren, wenn die Stütze zerbricht. Wir zerstören damit nicht nur unser eigenes Leben, nein, wir nehmen dem Anderen auch noch seine Stütze. Sein Fall ist dabei nur eine Frage der Zeit.
Sollte eine Beziehung nicht auf Gegenseitigkeit beruhen? Eine gemeinsame Stütze gegen alle Widrigkeiten des Lebens. Ich vergleiche eine Beziehung gerne mit einem dieser antiken Torbögen. Zwei Pfeiler und ein Bogen darüber. Damit dieses Tor hält, sind diese bei den Pfeiler unbedingt notwendig. Ist einer der Beiden zu kurz, zu brüchig oder voller Risse, wird die Beziehung nicht lange halten, selbst wenn der andere Pfeiler aus dem härtesten Stein, auf vollkommene Art bearbeitet und auf beste Weise erhalten geblieben ist. Irgendwann wir ein Pfeiler einbrechen und die Beziehung, den Torbogen, in die Tiefe reissen.
Es ist vollkommen egal, ob diese einseitige Beziehung nun eine einfache Freundschaft oder aber die erhoffte, lebenslange Bindung zu einem geliebten Menschen ist. Auch die Stütze möchte einmal nachgeben dürfen, ohne die Befürchtung zu haben, das ganze Konstrukt zum Einsturz zu bringen. Sich einfach mal fallen lassen können, sich weinend am Boden zu wälzen, dabei vom angeblich doch so brüchigen Pfeiler getröstet zu werden, aufgebaut zu werden, ganz einfach nur gestützt zu werden. Man möchte keine lebenslange Trostversicherung. Man möchte einfach nur einmal für einen Augenblick die Mauern fallen lassen können, die eigene Stärke vergessen und den schwachen Moment vollkommen ausleben können, mit der Gewissheit, dass es jemanden gibt, der während dieser Zeit uns nicht nur Trost gibt, sondern uns auch noch dabei hilft, unser Leben weiterzuführen, uns umsorgt und seine eigenen Bedürfnisse für einen Moment weit nach hinten schiebt.

Beim Abschied fehlt die Erklärung für den Sinn des Lebens. Aber man steht nicht mit leeren Händen da, keineswegs. Man hat etwas Wichtiges erfahren: was man wirklich von einer Beziehung erwarten sollte. Dass zwar eine Beziehung lebenslange Arbeit und manchmal auch einige Tränen bedeutet, dies aber nicht bedeuten muss, dass man seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche vernachlässigt. Man weiss, was einem im Leben, in einer Beziehung, die doch die Stütze dieses Lebens ist, wichtig ist. Man erinnert sich daran, dass man leben sollte und nicht vor lauter Arbeit an der Beziehung zu leben vergisst. Den das Leben besteht in erster Linie aus Freude. Und diese Freude wiederum macht eine Beziehung unvergänglich und ewig.

Was nun noch zu sagen bleibt, ist ein Dankeschön an jemanden, der mir in vielen Momenten meines Lebens die Augen öffnete und öffnet, mir den Weg aufzeigt, mir selbst eine Stütze ist. Ich hoffe, ich konnte während unserer bisherigen Freundschaft ausreichend Stütze und Hilfe für sie sein, denn das ist das Mindeste, was diese Person verdient.

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